
Giesing ist ein Stadtteil im Südosten Münchens, der früher ein Arbeiter:innenviertel war. Obwohl München auf eine reiche, von Exil und Migration geprägte Geschichte zurückblickt, gibt es bislang kein Denkmal, das Verfolgte, Geflüchtete und Migrant:innen unterschiedlicher Epochen ehrt. Zudem fehlt es an öffentlich zugänglichem Wissen über Kulturschaffende, die in Giesing gelebt und gearbeitet haben.
Um diese Lücke zu schließen, sammelt "Der Erinnerungsmensch" Geschichten von kreativen Personen, die mit Exil und Migration in Giesing verbunden sind. Die gesammelten Erinnerungen werden für die Zukunft bewahrt und mit der Öffentlichkeit geteilt – unter anderem im Rahmen von Stadtteiltouren. Dabei sind die Teilnehmenden eingeladen, die Kunstwerke selbst zu tragen und mehr über deren Autor:innen zu erfahren. "Der Erinnerungsmensch" führt zu Orten mit verborgener Exil- und Migrationsgeschichte, lädt zur Reflexion über deren heutige Bedeutung ein und kommt unterwegs immer wieder spontan mit Passant:innen ins Gespräch.
Giesing ist ein Stadtteil im Südosten Münchens, der früher ein Arbeiter:innenviertel war. Obwohl München auf eine reiche, von Exil und Migration geprägte Geschichte zurückblickt, gibt es bislang kein Denkmal, das Verfolgte, Geflüchtete und Migrant:innen unterschiedlicher Epochen ehrt. Zudem fehlt es an öffentlich zugänglichem Wissen über Kulturschaffende, die in Giesing gelebt und gearbeitet haben.
Um diese Lücke zu schließen, sammelt "Der Erinnerungsmensch" Geschichten von kreativen Personen, die mit Exil und Migration in Giesing verbunden sind. Die gesammelten Erinnerungen werden für die Zukunft bewahrt und mit der Öffentlichkeit geteilt – unter anderem im Rahmen von Stadtteiltouren. Dabei sind die Teilnehmenden eingeladen, die Kunstwerke selbst zu tragen und mehr über deren Autor:innen zu erfahren. "Der Erinnerungsmensch" führt zu Orten mit verborgener Exil- und Migrationsgeschichte, lädt zur Reflexion über deren heutige Bedeutung ein und kommt unterwegs immer wieder spontan mit Passant:innen ins Gespräch.
Mathias Reitz Zausinger filmte die ersten Memory Person Walks im Sommer 2023. 12:33 min.
Der Spaziergang führt unter anderem zum Giesinger Ostfriedhof, wo Hans Steyer begraben liegt. Er wird in dem gleichnamigen Buch von Karl Stankiewitz aus dem Jahr 2019 als „Münchner Original“ vorgestellt. Das Buch, das auch eine Fotosammlung des bekannten Komikers Karl Valentin enthält, widmet sich exzentrischen Persönlichkeiten des 19. und 20. Jahrhunderts – darunter Künstler:innen, Musiker:innen, Philosoph:innen, Gastwirt:innen, Schauspieler:innen und anderen schrulligen Figuren der Münchner Subkultur. Ein besonders faszinierender Charakter ist Hans Held, der damals als stadtbekannter „Reklame-Mensch“ durch das Viertel zog. Während er seine Waren anbot, schenkten ihm die Anwohner:innen verschiedene Gegenstände, die er an sein Outfit pinnte. Diese Interaktion mit Objekten im öffentlichen Raum inspirierte "Den Erinnerungsmenschen" zu seiner aktiven Ansprache von Passant:innen.
Um ein „Münchner Original“ zu sein, muss man übrigens nicht in München geboren sein; es geht vielmehr darum, sich kreativ und authentisch auszudrücken und sich nicht in vorgegebene Kategorien einfügen zu müssen.
Gemeinsam mit den Teilnehmenden besucht "Der Erinnerungsmensch" Straßenzüge in Giesing, in denen während der NS-Zeit Zwangsarbeiter:innen inhaftiert waren. Diese historische Realität ist im heutigen Stadtbild völlig „unsichtbar“, da keine Gedenktafel oder ein Monument darauf aufmerksam macht. Während des Zweiten Weltkriegs gab es in München ein dichtes Netz aus rund 250 Lagern und Quartieren für ausländische Arbeitskräfte. Die Betroffenen stammten vor allem aus Ländern, die das nationalsozialistische Deutschland militärisch unterworfen hatte – darunter Polen, Frankreich, Belgien, Dänemark, die Niederlande und die Sowjetunion. Um den akuten Arbeitskräftemangel auszugleichen, wurden insbesondere Frauen aus diesen Regionen zur Zwangsarbeit gezwungen. Am Giesinger Bahnhof waren im sogenannten „Mollblock“ etwa 500 überwiegend polnische Zwangsarbeiter:innen untergebracht, die noch 1944 für die Agfa-Kamerawerke – eine große, ehemalige Fabrik in Giesing – Kriegsgerät produzieren mussten.
Die Biografien der Menschen, die dort unfreiwillig arbeiteten, spiegeln ein komplexes Geflecht von Exil- und Migrationsbewegungen wider. Diese Historie reicht von der Zwangsarbeit im Zweiten Weltkrieg über die Gastarbeiter:innen-Migration der 1950er bis 1970er Jahre bis hin zu den 1990ern, als die ehemaligen Agfa-Werkswohnungen in der Untersbergstraße von der Regierung von Oberbayern als Erstaufnahmeeinrichtung für Asylbewerber:innen genutzt wurden.
Eine weitere Station ist der Giesinger Berg an der Stelle der früheren Hofmauer in der Silberhornstraße. Dort befand sich einst das Freikorpsdenkmal: ein zehn Meter hohes Halbrelief eines Soldaten, der symbolisch der „Schlange der Revolution“ den Kopf zerquetscht. Es wurde 1937 vom Bildhauer Ferdinand Liebermann im Auftrag des Kulturministeriums geschaffen und am 3. Mai 1942 in einer spärlich besuchten Zeremonie enthüllt. Die Bevölkerung verspottete das Monument abfällig als „Nackertes Lackerl“, und noch in der Nacht vor der Einweihung wurde es von Ministrant:innen mit Teer beschmiert. Bei ihrer Ankunft in Giesing im Jahr 1945 ließen die amerikanischen Truppen das ungeliebte Denkmal schließlich entfernen.
Der Spaziergang führt unter anderem zum Giesinger Ostfriedhof, wo Hans Steyer begraben liegt. Er wird in dem gleichnamigen Buch von Karl Stankiewitz aus dem Jahr 2019 als „Münchner Original“ vorgestellt. Das Buch, das auch eine Fotosammlung des bekannten Komikers Karl Valentin enthält, widmet sich exzentrischen Persönlichkeiten des 19. und 20. Jahrhunderts – darunter Künstler:innen, Musiker:innen, Philosoph:innen, Gastwirt:innen, Schauspieler:innen und anderen schrulligen Figuren der Münchner Subkultur. Ein besonders faszinierender Charakter ist Hans Held, der damals als stadtbekannter „Reklame-Mensch“ durch das Viertel zog. Während er seine Waren anbot, schenkten ihm die Anwohner:innen verschiedene Gegenstände, die er an sein Outfit pinnte. Diese Interaktion mit Objekten im öffentlichen Raum inspirierte "Den Erinnerungsmenschen" zu seiner aktiven Ansprache von Passant:innen.
Um ein „Münchner Original“ zu sein, muss man übrigens nicht in München geboren sein; es geht vielmehr darum, sich kreativ und authentisch auszudrücken und sich nicht in vorgegebene Kategorien einfügen zu müssen.
Gemeinsam mit den Teilnehmenden besucht "Der Erinnerungsmensch" Straßenzüge in Giesing, in denen während der NS-Zeit Zwangsarbeiter:innen inhaftiert waren. Diese historische Realität ist im heutigen Stadtbild völlig „unsichtbar“, da keine Gedenktafel oder ein Monument darauf aufmerksam macht. Während des Zweiten Weltkriegs gab es in München ein dichtes Netz aus rund 250 Lagern und Quartieren für ausländische Arbeitskräfte. Die Betroffenen stammten vor allem aus Ländern, die das nationalsozialistische Deutschland militärisch unterworfen hatte – darunter Polen, Frankreich, Belgien, Dänemark, die Niederlande und die Sowjetunion. Um den akuten Arbeitskräftemangel auszugleichen, wurden insbesondere Frauen aus diesen Regionen zur Zwangsarbeit gezwungen. Am Giesinger Bahnhof waren im sogenannten „Mollblock“ etwa 500 überwiegend polnische Zwangsarbeiter:innen untergebracht, die noch 1944 für die Agfa-Kamerawerke – eine große, ehemalige Fabrik in Giesing – Kriegsgerät produzieren mussten.
Die Biografien der Menschen, die dort unfreiwillig arbeiteten, spiegeln ein komplexes Geflecht von Exil- und Migrationsbewegungen wider. Diese Historie reicht von der Zwangsarbeit im Zweiten Weltkrieg über die Gastarbeiter:innen-Migration der 1950er bis 1970er Jahre bis hin zu den 1990ern, als die ehemaligen Agfa-Werkswohnungen in der Untersbergstraße von der Regierung von Oberbayern als Erstaufnahmeeinrichtung für Asylbewerber:innen genutzt wurden.
Eine weitere Station ist der Giesinger Berg an der Stelle der früheren Hofmauer in der Silberhornstraße. Dort befand sich einst das Freikorpsdenkmal: ein zehn Meter hohes Halbrelief eines Soldaten, der symbolisch der „Schlange der Revolution“ den Kopf zerquetscht. Es wurde 1937 vom Bildhauer Ferdinand Liebermann im Auftrag des Kulturministeriums geschaffen und am 3. Mai 1942 in einer spärlich besuchten Zeremonie enthüllt. Die Bevölkerung verspottete das Monument abfällig als „Nackertes Lackerl“, und noch in der Nacht vor der Einweihung wurde es von Ministrant:innen mit Teer beschmiert. Bei ihrer Ankunft in Giesing im Jahr 1945 ließen die amerikanischen Truppen das ungeliebte Denkmal schließlich entfernen.